
Liebe Brüder und Schwester, liebe Freunde und Taizé-Interessierte,
herzlich willkommen zum Taizé-Wochenende 2007.
Bevor wir mit dem offiziellen Programm beginnen und uns in Point M zum Essen einfinden, möchte ich gerne noch ein paar Worte sagen, die mir sehr wichtig sind.
Als ich vorletzte Woche in Siegen in einem Kompaktseminar über christlichen Widerstand im Nationalsozialismus saß, gingen mir einige Dinge durch den Kopf, was Moral und christliches Verhalten anbelangt, ein Gewissen zu haben und Rückrat zu besitzen und letztendlich für andere einzustehen.
Wenn man sich beispielsweise mit Sophie Scholl, die während des 2. Weltkrieges mit ihrem Bruder und einigen Freunden Flugblätter der Weißen Rose gedruckt und verteilt hat, in denen zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime aufgerufen wurde, auseinandergesetzt hat, weiß man, was es heißt, die Nachfolge Jesu anzutreten; nämlich in seinem Sinne zu handeln und zu leben und den Weg zu gehen, den Gott für uns vorsieht, so schwierig er auch noch sein mag und letztendlich sein Leben für seine Freunde zu lassen. Könnte die Liebe zu Jesus Christus und unter uns Menschen größer sein?
Stellt sich da nicht die Frage: Würde ich genauso handeln wie beispielsweise Sophie Scholl und in welcher Beziehung stehe ich zu ihr?
Sie hat für die Idee, Frieden zu schaffen und Widerstand gegen Mord, Perversion und Unterdrückung zu leisten, ihr Leben gelassen, in der Hoffnung, dass anderen Menschen großes Schicksal erspart bleibt.
Würde ich heute in ähnlicher Weise für meine Freunde einstehen und zu Jesus stehen, auch wenn ich weiß, dass mich das vielleicht mein Leben kostet?
Als wir uns dann mit einem Text von Katharina Staritz, einer ev. Theologin, die den 2. Weltkrieg überlebt hat, beschäftigten, musste ich mich an die diesjährige Taizé-Freizeit erinnern.
Katharina Staritz schilderte in diesem Text ihren Aufenthalt in einem Konzentationslager, in dem sie gefangen war. Ihr fragt euch sicher jetzt, was hat das Konzentrationslager mit Taizé zu tun?
Garnichts.
Aber ich möchte auf eine ganz andere Sache hinaus, nämlich die persönliche Einstellung. Katharina Staritz beschreibt trotz aller Erniedrigung und den Qualen, die sie erleiden musste die kleinen, schönen Dinge des Lebens. Menschen von der SS, die ihr Freundlichkeit entgegenbrachten, sei es durch ein Lächeln oder nur durch eine geschenkte Zigarette. Andere Menschen, die ihr Osterkuchen gaben, Nadel und Faden um das letzte gerissene Kleid zu flicken oder ein Stück Pappe als Einlegesohlen für die Schuhe. Mit diesen Kleinigkeiten baut sie sich auf, diese Nettigkeiten lassen sie trotz allem Übel noch etwas positives im Leben sehen und gerade das hebt sie besonders hervor. Das finde ich sehr bemerkenswert.
Auch abgeschwächte Situationen kennen wir alle durchaus, wir sind in einer Lage, in der das Schlechte überwiegt und dann laufen wir der Gefahr, nur noch das Schlechte zu sehen und verschließen unsere Augen vor den Kleinigkeiten, die uns ein Licht auf unserem Wege sein können. Ist es nicht so, dass uns Gott Engel in Gestalt von anderen Menschen schickt, so wie Katharina Staritz diese auch erlebt?
Menschen, die uns zeigen, du bist mir viel wert.
Nehmen wir diese Engel sehr oft vielleicht gar nicht wahr?
Jeder von uns sollte in seinem Leben sich immer wieder auf die positiven Dinge konzentrieren. Hätte Katharina Staritz sich innerlich damit nicht immer wieder aufgebaut, hätte sie persönlich das KZ wohl nicht überlebt.
Bei diesen Überlegungen musste ich an die Taizé-Freizeit denken, genauer an die Nacht vom 1. auf den 2. August. Das Unwetter haben sicherlich alle, die mit waren noch in Erinnerung.
Die Frage ist: In guter oder in schlechter Erinnerung?
Ich erinnere mich gerne an diese Nacht zurück, sie war in dieser Woche einzigartig. Ich erinnere mich daran, wie groß der Zusammenhalt war, als der Großteil in der Kirche saß. Menschen haben sich gegenseitig getröstet und in den Arm genommen. Viele, die nie viel miteinander zu tun hatten, waren sich plötzlich ganz nahe. Jeder war für den anderen da.
Ich erinnere mich auch an die, die unsere Zelte bei dem schlechten Wetter flachgelegt haben, damit der Wind nicht noch mehr Schaden anrichtet, diejenigen, die sich trotz Blitz und Donner auf dem freien Feld für andere eingesetzt haben. Dies war eine durchaus gefährliche Situation. Ich erinnere mich auch an die, die Nächte vorher schon für andere die Zelte gesichert haben. All das hat uns gezeigt, wie wichtig wir für einander sind. Die Meisten, die in der Kirche saßen, hatten Angst um ihre Freunde und Freundinnen, die draußen bei den Zelten waren. Diese Momente schweißen zusammen und lassen das Gemeinschaftsgefühl noch größer werden. Gott zeigte uns in dieser Situation, dass er seine schützende Hand über uns hält, er zeigte sich all denen, die in dieser Nacht für andere da waren.
In meinem Kompaktseminar hatte ich den Schreibblock dabei, den ich in Taizé auch hatte. Durch das Unwetter ist er am oberen Rand gewellt und die Farbe ist durch das Wasser zerlaufen. Das war mir sogar etwas unangenehm. So mancher in meinem Seminar hat sich vielleicht gefragt: Warum hat der denn so einen halb aufgeweichten Block mit? Ich habe also auch nur das Negative gesehen und dann fiel mir auf; Dieser Block hat für mich, mindestens so lange ich reinschreiben kann, Symbolcharakter. Er ist eine Erinnerung an den Zusammenhalt unserer Gruppe in Taizé, eine Erinnerung daran, dass Gott seine schützende Hand über uns hält. Er ist so etwas wie eine Kette geworden, ein Symbol, das man anfassen kann und das uns Erinnerungen vergegenwärtigt, auch daran, dass Gott immer da ist.
Darum erinnere ich mich gerne an diese Nacht zurück und ich wünsche uns allen, dass wir Situationen auch öfters mal von einem anderen Blickwinkel betrachten können und als positiv wahrnehmen.
Diesen Zusammenhalt, dieses Gemeinschaftsgefühl und für andere einzustehen, das wünsche ich uns auch für die kommenden Tage, an denen wir hier zusammen verweilen.
Wir singen nun Jubilate Deo und gehen anschließend zum Essen über.